Geschichte: 1946 bis 1973

Die Wennigser Mark platzte jetzt aus allen Nähten, denn durch die Zuweisung von Flüchtlingen aus dem Osten wurde jeder Quadratmeter Wohnraum zwangsweise belegt. Auch in den Gebäuden der ehemaligen Zündschnurfabrik wurden Flüchtlinge untergebracht. Der Kampf ums Überleben und die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte, zwang zum Zusammenhalten. Jedes Stück Land wurde für die Versorgung mit Getreide, Kartoffeln, Rüben und Gemüse genutzt.

Nicht selten zog aus Waschküchen und Ställen der süßliche Geruch der gekochten Zuckerrüben, aus denen Zuckerrübensaft (Sirup) und selbstgebrannter Schnaps hergestellt wurde. Man wusste sich zu helfen. Der Tauschhandel blühte und somit konnte man Waren erhalten, die es nicht regulär zu kaufen gab.

Vom 5. bis 7. Oktober 1945 fand in Wennigsen die erste Nachkriegskonferenz der SPD im Bahnhofshotel, heute Calenberger Hof, statt. Kurt Schumacher, der später zum ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD gewählt wurde, weilte während der Tagung in der Wennigser Mark im Haus Nr. 374, Schönfeld, den Märkern besser bekannt als der „Einarmige“. Schönfeld war früher Schrankenwärter an dem Bahnübergang zur Langreder Feldmark im Westerholz. Als langjähriges Mitglied der SPD stellte er dem Genossen Schumacher für die Dauer der Konferenz sein Haus für interne Gespräche zur Verfügung.

Der Umschwung in der Wennigser Mark setzte 1946 mit der Gründung der Firma Heinrich Ritter und der Betriebserweiterung der Firma Joseph Franke ein. Das bedeutete für viele Märker neue Beschäftigung im Ort. Die Firma Heinrich Ritter fertigt Metallwaren des täglichen Bedarfs. Der Betrieb entstand an der Egestorfer Straße 24 auf dem Grundstück von Haus Nr. 238. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Betrieb zu einem mittelständischen Unternehmen mit ca. 50 Beschäftigten. 1970 wurde der Betrieb nach Wennigsen in moderne und größere Fertigungsgebäude verlagert. Die Strickerei Joseph Franke war während des Krieges in die Veranda des Gasthauses Hubertus ausgelagert. Ab 1947 produzierte sie ihre Erzeugnisse in einem neuen Gebäude Haus Nr. 443 im Suerser Weg 8. Die wirtschaftliche Entwicklung verlief ähnlich wie die der Firma Ritter. Im Laufe der Zeit wurde der Betrieb ausgebaut und es entstand ein größeres Fabrikgebäude, in dem ca. 40 bis 50 Arbeiterinnen ihrer Arbeit nachgehen konnten. 1973 stellte die Firma Franke den Betrieb ein. Damit verlor die Wennigser Mark den letzten produzierenden Betrieb und die Möglichkeit, vor Ort einer Arbeit nachzugehen, war nun sehr eingeschränkt.

1947 erwarben die Mitglieder des Siedlerbunds die ersten Parzellen Land im Waldwinkel zwecks Urbarmachung als Gartenland. Dieses Gebiet wurde von der Forst zur Verfügung gestellt, nachdem das Holz als Reparationsgut von Engländern und Polen geschlagen worden war. 1954 entstanden im Waldwinkel die ersten vier Häuser. In der Folgezeit entwickelte sich dieses Gebiet zu einem Ortsteil der Gemeinde Egestorf. Diese Sachlage führte 1973 im Zuge der Gebietsreform zu der Überlegung, ob die Wennigser Mark wegen ihrer Nähe zum Waldwinkel gemeinsam mit Egestorf der Stadt Barsinghausen angegliedert werden sollte. In einer Bürgerbefragung stimmten jedoch von 545 Wahlberechtigten 485 für eine weitere Zugehörigkeit zur Gemeinde Wennigsen. Danach folgte die Angliederung des Waldwinkels, der zwischenzeitlich zu Barsinghausen gehörte, aus infrastrukturellen Gründen an Wennigsen. Die Barsinghäuser Telefonvorwahl für den Waldwinkel erinnert daran.

1950 entstand der alt eingesessenen Märkern allseits bekannte Milchladen von Frau Posener. In diesem ca. 10 Quadratmeter großen Laden wurden frische Milch und andere Milchprodukte verkauft. Bei Kindern war das sogenannte „Sahneeis“ sehr beliebt, es bestand aus einer Waffeltüte, in die frisch geschlagene Sahne gefüllt wurde. Glanzstück der Inneneinrichtung war ein für die damalige Zeit riesiger Kühlschrank.

Ab 1950 baute man am Lüngerlohweg, Lichtenbergweg und Heckenrosenweg Wohnhäuser. Anfang der 70er Jahre setzte rege Bautätigkeit am Basthoop und am Schlehdornweg ein. Bis zur Schaffung der Großgemeinde Wennigsen 1971 gehörte das Gebiet nördlich des Schlehdornweges zu Degersen. Im Volksmund wird dieses Gebiet als „Ostmark“ bezeichnet.

Nachdem das durch die Nationalsozialisten beschlagnahmte Vermögen der Gewerkschaften von der Vermögensverwaltung der Britischen Besatzungszone an die Verwaltungsnachfolger übertragen worden war, konnten 1954 die Gewerkschaften wieder über ihre Gebäude in der Wennigser Mark verfügen. In den folgenden Jahren setzte hier die Gewerkschaft IG Chemie, Papier, Keramik die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder fort. Anfang der 60er Jahre waren die Einrichtungen für den Ausbildungsbetrieb nicht mehr zeitgemäß und ausreichend groß genug. Da in der Wennigser Mark kein adäquates Gelände für einen Neuanfang gefunden werden konnte, entschloss man sich in Bad Münder neu zu bauen. Damit verlor die Wennigser Mark eine traditionsreiche Einrichtung der Arbeiterschaft. In den Gebäuden an der Egestorfer Straße 21 richtete die Stadt Langenhagen ein Landschulheim ein.

Wegen der Zunahme der Bebauung und des im Sommer zeitweiligen Trockenfallens der Hausbrunnen wurde 1956 mit dem Bau einer allgemeinen Trinkwasserversorgung begonnen. Heute werden die Haushalte der Wennigser Mark mit sehr gutem Wasser aus dem Harz versorgt.

1956 richtete das Land Niedersachsen auf dem Gelände der ehemaligen Zündschnurfabrik die Polizeischule für die Kraftfahrausbildung und die Ausbildung für Dienst- und Gebrauchshunde ein. Die Ausbildung für Polizeihunde wurde hier jedoch wegen der Lärmbelästigung durch ständiges Hundegebell wieder eingestellt. Ab 1963 wurde die Ausbildungsstelle für Technik und Verkehr genutzt. Die Anzahl der Lehrgänge und der Teilnehmer wuchs von Jahr zu Jahr, bis 1974 die Grenze von jährlich über 2000 Teilnehmern erreicht wurde. Die alten Gebäude aus dem Anfang des Jahrhunderts waren für die Ausbildung nicht mehr geeignet. Das Land Niedersachsen beschloss eine neue Ausbildungsstätte für die Polizei zu bauen. Alle alten Gebäude wurden 1974 abgerissen.

Es bestand und besteht heute noch immer der Wunsch vieler Menschen nach Wohnen im Grünen. Die Wennigser Mark war und ist ein bevorzugter Ort um sich diesen Wunsch zu erfüllen. So kam es im Laufe der Jahre zur Erschließung weiterer Wohngebiete im Bereich der Wennigser Mark. 1963 entstanden an der nördlichen Grenze der Wennigser Mark auf dem Gemeindegebiet von Egestorf Wohnhäuser in der Blankweide. Im Zuge der Gebietsreform erfolgte in den 70er Jahren die Angliederung an Wennigsen. 1977 wurde mit dem Zinthof ein neues Baugebiet erschlossen. 1963 beschloss die Kirchenleitung des Kirchenkreises Ronnenberg auf dem von der Gewerkschaft erworbenen Gelände für die Wennigser Mark eine Kapelle zu errichten. Damit erfüllte sich der Wunsch vieler „Märker“ nach einem eigenen Gotteshaus. Am 1. Advent 1964 wurde die Corvinus-Kapelle feierlich ihrer Bestimmung übergeben. In ihrer architektonisch ansprechenden Form und durch den hölzernen Glockenturm prägte diese Anlage das Ortsbild der Wennigser Mark.